Sony A99V: ein Erfahrungsbericht

Vorgeschichte:
Als Kind bekam ich von meinem Vater eine Kamera geschenkt. Ich war etwa 10 oder 11 Jahre alt und kam in den Genuß einer heute als Legende geltenden Kamera: Minolta X-700 MPS. Bis heute die am längsten produzierte SLR von Minolta. Sie wurde ab 1981 produziert und war die letzte manuelle Spiegelreflexkamera, bevor die Minolta 7000 als erste Autofokuskamera des Herstellers das Licht der Welt erblickte (1985).
Die Liebe war entfacht, aber kurzlebig.

Erst 2005 bin ich zur Photographie zurückgekehrt, als für einen Festivalbesuch eine Kamera her mußte. Das war die Canon Digital IXUS 30 mit sattem 3MP-1″-Sensor. Für mich eine Revolution. Der Sucher war besch…eiden, aber aufgrund des Monitors auch überflüssig. Das ist bei der A99 übrigens genau anders herum.

Dieses Modell hat mich über zwei Jahre beinahe jeden Tag begleitet. 
2007 dann bin ich ins (D)SLR-Lager zurückgekehrt mit einer Canon EOS 400D (10 Megapixel). Dazu gab es das 18-55mm Kitobjektiv und später ein Tamron 27-300mm ohne VC.
Diese Kamera habe ich 2013 kaputt gemacht. Es folgte als Zwischenlösung eine Canon SX50 HS Superzoom, bei der ich schnell merkte, daß mir deren Möglichkeiten deutlich zu limitiert waren. Max. 15 sek. Belichtungszeit, ein sehr kleiner 1″-Sensor und ein lichtschwaches Objektiv… das konnte nur eine Zwischenlösung sein auf dem Weg zur neuen DSLR.

Und die kam langsam… Es hat lange gedauert, bis ich die für mich sinnvollste Kombination entdeckt hatte. Mehrfach war ich kurz davor, zu Nikon zu wechseln, bei Canon zu bleiben… D600, 70D, D800, 6D oder doch was ganz anderes…? Und am Ende wurde es die Sony A99V.
Die Kamera bot mir das, was ich zu diesem Zeitpunkt am ehesten wollte: cooles Design, ein wegen Minolta riesiger Park an gebrauchten Objektiven, hervorragende Funktionalität und einen Vollvormatsensor.

Der Erfahrungsbericht:
Vorab: das wird kein professioneller Test mit irgendwelchen Charts oder dergleichen.

Die A99V ist ein kleines Meisterwerk mit Abzügen in der B-Note. Man geht immer irgendeinen Kompromiß ein… 
Regelrecht aus den Socken gehauen hat mich der elektronische Sucher.  Ich habe in der Tat optisch keinen Unterschied bemerkt und wenn ünerhaupt, dann fast nur Vorteile. Der für mich einzige Nachteil ist, daß man nur bei eingeschalteter Kamera was sieht. Ansonsten aber ist er ein echter WYSIWYG-Sucher, der auch sämtliche Details und Menüs des Bildschirms auf der Rückseite anzeigen kann und darüber hinaus eben immer das Bild vor der Aufnahme so anzeigen kann, wie es letztlich auch aussieht, wenn man abdrückt.
Der Sucher ist extrem hoch aufgelöst, hell und bietet eine 0,71-fache Vergrößerung und 100% Abdeckung.

Der Sucher dreht vor allem wegen Sonys eigener SLT genannten Spiegeltechnik auf. Sonys Spiegel ist kein Klapp- sondern ein fest installierter, lichtteildurchlässiger Spiegel.
Dadurch gelangt immer Licht in den Sucher und gleichzeitig auf den Sensor, sodaß die Kamera permanent im Live-View arbeitet. Letzteres hat einen erheblich höheren Stromverbrauch zur Folge, den man beim Kauf in Betracht ziehen muß. Ein zweiter Akku ist eig ohnehin fast immer Pflicht, hier aber tatsächlich unentbehrlich.

Im Zusammenspiel mit dem Spiegel arbeiten bestimmte Objektive mit dem neuen Phasen-Autofkus. Und das ist ein Vor- und gleichermaßen ein Nachteil. Denn dieser AF ist, wenn überhaupt, nur für Sony-Linsen (nicht Minolta), nicht für absolut alle und als letztes für Zeiss-Objektive verfügbar.
Gläser von Drittherstellern werden nicht unterstützt. Das hat zur Folge, daß man, wie ich, z.B. beim Tamron SP 24-70mm Di USD nur die paar, leider nur sehr zentrierten Felder des Kontrast-AF verwenden kann. Und der sitzt nicht immer sofort.

Davon abgesehen hat mich das Rauschverhalten der Kamera mehr als überzeugt. Bis ISO 6400 sind die Bilder – je nach Anwendungsbereich – nahezu uneingeschränkt nutzbar.
Wer jetzt unkt, dies sei eine Paradediesziplin von Nikon, dem sei gesagt, daß Nikon seine Sensoren bei Sony einkauft.

Ich selbst nutze derzeit erst zwei Objektive: das besagte Tamron 24-70mm, das dem Zeiss 24-70mm beträchtlich nahe kommt, sowie das alte kleine Minolta „Ofenrohr“ AF 70-210mm f4, das seinen Dienst tadellos verrichtet. Jedenfalls von der mechanischen Seite her, die optische ist sehr durchwachsen, aber dafür kann die Kamera nichts.

APS-C-Objektive lassen sich auch nutzen, wobei dann aber nur ein entsprechender Ausschnitt des Kleinbildsensors genutzt werden kann.

Von der Haptik her ist die Kamera einfach klasse. Sicher: ein großer Brummer, aber gerade das mochte ich. Ich kann mir zwar vorstellen, auch mit einer kleineren, leichteren A7 zu arbeiten, aber letztlich eher als Zweitbody.

In die A99 passen zwei Speicherkarten entweder im SD-Format oder auch Sonys eigene MemorySticks Pro Duo.

Einen eingebauten Blitz gibt es nicht, damit will Sony den (semi-) professionellen Charakter der Kamera unterstreichen. Nun, das kann man sehen, wie man will.

Übrigens besitzt die A99V einen Standardblitzschuh.

Die Menüführung ist simpel und intelligent, sowie beinahe komplett selbsterklärend. Alles andere erledigt das wirklich sehr gute Handbuch.

Auf der Rück- und Oberseite befinden sich zahlreiche Knöpfe für funktionelle Direkzugriffe. Sehr praktisch – vor allem der Joystick. Dieser ist mir deutlich lieber als irgendwelche Wahlräder.

Über Videofunktionen kann ich leider keine Auskunft erteilen, da ich nicht filme. Ich weiß aber, daß sich neben Mikrofonen etc zahlreiches professionelles Equipment anschließend läßt, um mit diesem Sahnestück an Technik hochwetige Spots und Filme drehen zu können.

Hat man sich mit der Lage der einzelnen Tasten einmal vertraut gemacht, läßt sich die Kamera fast blind bedienen. Vor allem, weil eben auch im Sucher sämtliche Einstellungen vorgenommen werden können.

Ich kann und will hier keinen 1.000-Seitentest mit allen technischen Gimmicks abliefern. Die ganzen Infos gibt es seit langem im Netz zum Nachlesen.
Die Funktionsvielfalt ist für einen Aufsteiger nahezu erschütternd groß, wenn man vorher mit kleinen, alten Kameras gearbeitet hat. Aber irgendwann will man das nicht mehr missen.
Motivprogramme gibt es haufenweise, die aber idR nicht im RAW-Modus zur Verfügung stehen.

Fokuspeeking, Einstellen der Focusrange, einen lautlosen Klick- und Drehknopf an der Vorderseite, sämtliche Tasten frei belegbar, eingebautes GPS-Modul, im Kamerabody integrierter Bildstabilisator, komplett klapp- und drehbares Display, elektronische Fokusweitenbegrenzung… die A99V ist ein Traum.

Was ich liebe ist, daß man den AF trotz der sehr engen Fokusfelder sehr gut nutzen kann. So ist es möglich, einen Punkt anzuvisieren, zu fokussieren und diesen Fokus dann zu halten, um anschließend ggf das Framing etc anzupassen, ohne, daß der Fokus verloren geht.

Nicht gefallen tut mir, daß der BULB-Modus nur mit Fernbedienung funktioniert und man während der Aufnahme die Aufnahmedauer nicht angezeigt bekommt.

Ein epischer Fehler ist Sony bei der Firmwareaktualisierung unterlaufen. Es gibt das Update zwar für den Mac, das Programm läuft aber nur im 32bit-Modus. Wer also aktuelle Mac OS-Versionen nutzt, muß mühselig den Rechner im 32bit-Modus neu starten oder, wie es der Sony-Support auf meine Nachfrage formuliert hat: sich einen Windowsrechner suchen…

Ansonsten braucht die Kamera subjektiv recht lange, bis sie betriebsbereit ist.

Es ist, wie immer im Leben, nicht alles Gold was glänzt. Nach den Abzügen in der B-Note bleibt aber noch immer eine ganz hervorragende Kamera, die so ziemlich jeden Enthusiasten, VF-Aufsteiger und (Semi-) Profi glücklich machen sollte.

Abschließend sei noch vermerkt, daß vermutlich zum September auf der Photokina die neue A99V Mark II vorgestellt werden wird.

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