Ist „Post-Processing“ böse?

Antwort: nein.

Genauso gut könnte man sich noch immer fragen, ob Digitalphotographie böse ist oder ob nicht gleich Photographie als Teufelszeug einzustufen ist, weil einzig die Malerei wahre Kunst ist. Andererseits verspottet man doch eigentlich die Natur, wenn man sie abmalt und auf eine Leinwand sperrt…

Post Processing und Digitale Photographie sind schlicht und ergreifend neue Wege zum alten Ziel. Einfacher, schneller, produktiver. Das wünscht sich beinahe jeder. Oder wer nimmt lieber den Skilift und wer stapft lieber den Berg rauf, um wieder runterfahren zu können?

Als die Photographie entdeckt und weiterentwickelt wurde, war sie gleichermaßen verpönt.
Und als sie hoffähig geworden war, bedienten sich die Photographen u. a. in der Dunkelkammer verschiedenster Techniken und Kniffe, um ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen. Sie haben nachbelichtet, abgewedelt und anderes. Begriffe, die auch noch in Photoshop und anderen Bildbearbeitungsprogrammen vorkommen und in digitaler Form genau das tun, was früher Chemikalien erledigten.

Aber damit nicht genug: Cross Processing bspw. war die gezielte Verfälschung und/oder Falschanwendung, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen.

Was nun aber Photoshop und Co betrifft, so muß ich gestehen, daß ich selbst eine Art digitaler Purist bin.
Ich bewundere Meister, die mit Photoshop die unglaublichsten Dinge kreieren, für mich selbst ist das aber nichts.
Ich nutze ausschließlich Lightroom, dieses aber immer intensiver. Retuschieren kommt nur infrage, um Fehler zu korrigieren und dergleichen. Gesichter künstlich zu schönen… das mag ich persönlich nicht. Menschen sind wie sie sind und so bilde ich sie ab. Geschminkt und ungeschminkt. Sicher: auch Schminke ist Beschiß, aber irgendwo muß man seine Grenze ziehen. 😉

Es gibt Aufnahmen, die entstehen an Ort A und werden dann dermaßen gephotoshoppt, daß von der ursprünglichen Aufnahme nichts mehr übrig bleibt. Das geht meiner Ansicht nach am Sinn des Metiers vorbei. Damit meine ich aber nicht die Digitalen Künstler ansich, die bewußt schaffen, kombinieren und anderes, also keine „Photo-Verfremder“, sondern Künstler, die quasi in Photoshop & Co origin erschaffen aus diversen Quellen oder sogar ohne eine solche mit dem Grafikpad. Ich finde, wer ein Modell vor einem See ablichten will, sollte zu einem See fahren und nicht zu einer Stadtpfütze und dann einen See draus machen.

Auch die Filmphotographie ist noch längst nicht tot. Man kann bestimmte Looks eben digital nur imitieren, aber nie direkt erzeugen. Schöne alte Filme, ein bestimmtes Korn, Linse und Film als Kontrastgrundlage…
Für mich persönlich ist das aber zu umständlich. Auch wenn ich noch eine alte Filmkamera mein Eigen nenne und diese eigentlich mal wieder gerne ausprobieren möchte. Aber mein innerer Schweinehund sagt: am Rechner ist es besser. Und mittlerweile ist es das auch, wenngleich bestimmte Dinge vielleicht nur auf die eine oder andere Art erreicht werden können, vielleicht sogar nur, indem man einen Film einlegt.

Beim Post-Processing, also der digitalen Bildentwicklung, geht es schlicht darum, auf einfachem Wege zum Ziel zu kommen. Und ja: das bedeutet, an den Reglern rumzuspielen und zu schauen, was passiert. Es hilft natürlich, wenn man von bestimmten Dingen eine Ahnung hat, bspw. von additiven und subtraktiven Farbsystemen (Stichwort: Gradation).

Wer glaubt, das habe früher niemand gemacht, der möge sich einmal mit z. B. Ansel Adams beschäftigen und wie dieser zu seinen berühmten kontrastreichen Bildern gekommen ist. Das gleiche gilt für viele andere quer durch die Jahrzehnte.

Letzlich hilft es nichts, wenn man glaubt, in jeder Innovation gleich wieder des Teufels Handschrift erkennen zu können.
Die meisten freuen sich über neue, einfache Wege. Das muß schließlich nicht bedeuten, daß man sich dazu gezwungen sehen muß, alles andere aufzugeben.
Es ist nicht verboten, ein Bild zu malen oder mit Film zu photographieren. Oder sich eine Lochkamera zu basteln.

Und als wichtigster Punkt noch dies: keine Kamera der Welt kann die Emotion des Photographen und auch nicht die tatsächliche Licht- und Farbenwirkung einfangen, egal, wie gut, teuer oder edel das Equipment auch sein mag. Steht man an einem bestimmten Punkt, riecht, fühlt, schmeckt und sieht man Dinge, die den Moment einzigartig machen. Diese Einzigartigkeit gilt es, mittels Post Processing wieder aufleben zu lassen – eben den ganz persönlichen Moment, ggf. gepaart mit ganz persönlichen künstlerischen Einflüssen.

Aus diesem Grund sehen viele „geknipste“ Bilder so bescheiden aus – gerade weil danach nichts mehr daran verändert wird. Und das ist eben der Unterschied zwischen Knipser und Photograph – egal, welches Equipment benutzt wird. Viele Leute photographieren schon seit 20 Jahren und länger, sind technisch immer auf dem neuesten Stand, und begreifen dennoch nicht, wie ein gutes Photo entsteht. Dem entgegengesetzt gibt es viele mit künstlerischer Vorbildung (sei es nun tatsächlich aus der Kunst, einem Handwerk, der Werbung…), denen man dann eine Kamera in die Hand drücken kann und die bald schon deutlich mehr daraus machen, als der selbsternannte Experte.

Post Processing (oder nachträgliche Bildbearbeitung) ist ABSOLUTE PFLICHT!!

In diesem Sinne: viel Spaß weiterhin 🙂

 

__________________

Zum Abschluß noch drei Bildbeispiele. Das erste ist „direkt aus der Kamera“, also unbearbeitet. Eines ist in schwarz-weiß bearbeitet und eines als Cross Processed Image.

Straßburg_1

 

Straßburg_2

 

Straßburg_3

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